Sommer am Pont du Gard – Kapitel 12

Christina hatte die Gäste begrüßt und mit ihnen die Formalitäten erledigt. Zum Glück hatte ihr Loulou vorher erklärt, was alles zu machen war. Sie begleitete die Gäste persönlich zu ihrem Zimmer und erklärte ihnen die Gegebenheiten im Haus. Danach wünschte sie ihnen einen angenehmen Aufenthalt und ging.

Auf ihrem Weg zurück in die Halle hörte sie schon die Stimme ihrer Mutter. Sie unterhielt sich mit Loulou. Frau Bauer hatte eine cremefarbene Leinenhose an und dazu eine weiße Bluse. Ihre mittellangen braunen Haare hatte sie mit einem bunten Seidentuch zusammengenommen. Wie immer passte alles hundertprozentig zusammen. Sie überließ nichts dem Zufall.

„Ich sehe, ihr habt Euch schon bekannt gemacht“, begrüßte sie ihre Mutter.

„Hallo, mein Kind.“ Frau Berger nahm ihre Tochter in den Arm.

„Lass dich anschauen.“ Sie ging auf Armeslänge zurück und betrachtete Christine sehr aufmerksam.

„Gut siehst du aus. Aber was machst du hier? Die junge Dame“, sie schaute in Loulous Richtung, „hat mir ja schon ein wenig erzählt.“

„Komm, ich mach uns einen Kaffee. Loulou hältst du hier solange die Stellung?“

Loulou nickte und Christina ging mit ihrer Mutter in den Frühstücksraum. Sie machte in der Küche am Kaffeeautomaten zwei Kaffee und dann setzten sich die beiden Frauen ans Fenster mit Blick in den Garten.

Christina berichtete ihrer Mutter nur kurz und knapp was passiert war. Die ausführliche Geschichte konnte sie ihr heute abend erzählen. Madame Berger hörte aufmerksam zu und unterbrach sie wenig. Nur von André erzählte sie noch nichts. Das war noch zu früh. Was am Ende des Urlaubs sein würde, das stand noch in den Sternen.

„Eigentlich wolltest du dich erholen und jetzt leitest du ein Hotel“, sagte ihre Mutter am Ende mit einem kleinen Unterton.

„Ein Hotel leiten ist übertrieben, Mutter. Das ist nur ein kleines Frühstückshotel und mit dir sind gerade drei Zimmer belegt. Also so schlimm ist das nicht. Und vor allen Dingen ist das eine ganz andere Arbeit wie im Verlag. Das kannst du nicht miteinander vergleichen.“

„Na schön, wenn du das sagst.“

„Dann zeige ich dir jetzt erst mal dein Zimmer. Du kannst dich etwas ausruhen und zum Abendessen hole ich dich dann ab. Ist das in Ordnung für dich?“

Christinas Mutter nickte.

***

Die letzten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das Laub und die Zikaden zirpten. Christina lag im Liegestuhl im Garten und blinzelte in die Sonne. Sie wollte noch etwas ausspannen, bevor sie ihre Mutter zum Essen abholte. Als sie nach Hause kam, hatte sie André angerufen und ihm erklärt, warum sie heute nicht kommen würde. Ein wenig hörte sie seine Enttäuschung in der Stimme. Christina versprach ihm, sich später noch einmal zu melden. Den Abend wollte sie mit ihrer Mutter hier verbringen. Sie war bestimmt neugierig und wollte sehen, wo sie untergekommen war. Loulou saß im Wohnzimmer und arbeitet noch für die Schule. Nachdem sie endlich zwei gute Zensuren bekommen hatte, war ihr Ehrgeiz geweckt. Nun wollte sie die Versetzung unbedingt schaffen. Madame Legrand würde ein Stein vom Herzen fallen.

„Loulou, isst du mit meiner Mutter und mir?“ Christina kam ins Wohnzimmer und nahm ihre Tasche und die Schlüssel.

„Nein, ich habe mich mit Dodo verabredet. Wir essen irgendwo eine Pizza.“

„Gut, dann bis später. Salut.“

„Salut, Christina.“

***

Christina hatte in der Bäckerei noch Baguette zum Abendessen gekauft. Als sie das Geschäft verließ, sah sie von Weitem schon ihre Mutter vor dem Hotel stehen. In ihrem knielangen blauen Kleid mit weißen Streifen sah sie jünger aus.

„Hallo Mama. Du hättest doch drin warten können. Stehst du schon lange hier?“

Christina wartete die Antwort gar nicht ab. Sie hakte sich bei ihrer Mutter unter und dirigierte sie über den stark befahrenen Boulevard Gambetta und weiter in Richtung ihres Ferienhauses.

Danielle nahm gerade Wäsche ab, als Christina und ihre Mutter kamen.

„Mama, ich möchte dir meine Vermieterin vorstellen.“

Beide gingen zu Danielle, die die großen Wäschestücke zusammenlegte.

„Danielle! Meine Mutter ist zu Besuch gekommen.“, rief Christina.

Die junge Frau drehte sich um. Sie hoffte, dass man ihr die durchwachte Nacht und das Zusammentreffen mit dem Zirkusmenschen nicht ansah. Ihr Gesichtsausdruck sollte entspannt und freundlich rüberkommen.

Christina und Danielle begrüßten sich mit einer kurzen Umarmung.

„Danielle, das ist meine Mutter. Mama, das ist Danielle Dubois, meine Vermieterin.“

„Echanté, Madame.“ Danielle gab Frau Bauer die Hand. „Schön, dass ich sie auch kennenlerne.“

„Ich freue mich außerordentlich. Schön, dass meine Tochter von Ihnen so nett aufgenommen wurde.“

Hm, irgendetwas stimmte mit Danielle nicht. Auch wenn sich Christina und sie noch nicht so lange kannten, aber sie war nicht so wie sonst. Danielle versuchte krampfhaft, natürlich zu wirken. Ein Fremder würde ihr das abnehmen, aber sie nicht. Sie war blass, kurz angebunden, ihre Bewegungen wirkten fahrig und sie musste sich dauernd räuspern. Dann wollte sie Danielle mal schnell von ihrer Mutter erlösen.

„Komm Mama, Danielle hat noch genug zu tun. Lass uns gehen.“ Hinter dem Rücken ihrer Mutter flüsterte sie Danielle zu: „Wir sprechen später.“

***

Christina konnte nicht schlafen. Die Terrassentür stand auf und die Geräusche der Nacht drangen leise ins Wohnzimmer. Ein leichter Windhauch bewegte die Gardinen. Sie starrte zur Decke und ließ sich den Abend noch einmal durch den Kopf gehen.

Ihre Mutter war hellauf begeistert von der kleinen Wohnung. Sie hatte in jeden Raum geschaut, fast alle Schranktüren und Schubladen geöffnet und zu allem und jedem ihren Kommentar abgegeben. Christina hatte in der Zwischenzeit das Essen zubereitet. Es gab nur einen leichten Salat mit Garnelen. Ihre Mutter aß abends nur wenig. Sie hatte auf der Terrasse gedeckt.

Beide Frauen hatten sich so viel zu erzählen. Ihre Mutter berichtete von ihrer letzten Ausstellung, die so gut angekommen war. Eine junge Künstlerin, gerade frisch von der Kunsthochschule, hatte ihr Herz erobert. Übermorgen wollte sie schon weiter nach Marseille um sich mit einem Maler zu treffen, den sie vor einigen Monaten kennengelernt hatte. Eigentlich wollte Christinas Vater sie begleiten, aber er war kurzfristig in der Reederei eingesprungen.

Natürlich wollte ihre Mutter genau wissen, wie es ihr ging. Christina musste ihr ganz ausführlich berichten, was ihr Chef zu ihrer Auszeit gesagt hatte, wie sie zu Hause ihre lange Abwesenheit organisiert hatte und wie es ihr hier bisher ergangen war. Sie erzählte ihr von Madame Legrand und Loulou, die sie schon kurz kennengelernt hatte. Wie es dazu gekommen war, dass sie jetzt im Hotel aushalf. Natürlich machte sich ihre Mutter Sorgen, dass ihr das nach den letzten Monaten alles zu viel werden könnte. Aber Christina beruhigte sie. Das hier war etwas ganz anderes, ohne Druck und Verpflichtung und in einer wunderschönen Umgebung. Sie könnte sich sogar vorstellen, so etwas immer zu machen. Als sie diesen Satz gesagt hatte, war sie über sich selbst überrascht. Was hatte sie da gesagt? Dieser Gedanke war ihr bis gerade eben überhaupt noch nicht in den Kopf gekommen. Das musste sie erst mal sacken lassen und weit von sich schieben. Wie kam sie bloß darauf?

Als Christina gerade den Kaffee geholt hatte, kam Loulou. Sie hatte sich noch mit einer Cola zu ihnen gesetzt. Ihre Mutter und das Mädchen hatten sich unterhalten, als wenn sie sich schon länger kennen würden. Das musste man ihrer Mutter lassen, sie hatte beruflich mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun, die manchmal nicht einfach zu händeln waren, aber sie schaffte es, dass jede und jeder sofort Vertrauen zu ihr hatte. Sie gab ihnen das Gefühl, wichtig zu sein und sich in dem Moment nur um sie zu kümmern.

Nachdem der Kaffee ausgetrunken war, wollte ihre Mutter gehen. Nein, sie wollte nicht, dass Christina sie zum Hotel begleitete. Den Weg würde sie alleine finden, sagte sie. Wenigstens durch den Garten bis zur Straße brachte sie sie noch. Dort verabschiedeten sie sich. Am nächsten Morgen zum Frühstück würde Christina im Hotel sein.

Christina hatte noch zu den hell erleuchteten Fenstern von Danielle und Eric geschaut. Aber nun wollte sie auch nicht mehr klingeln, um mit Danielle zu sprechen. Das musste bis morgen warten.

Als sie zurück in der Wohnung war, hatte Loulou schon die Tassen und Gläser in den Geschirrspüler gestellt. Christina fragte, wie der Abend mit ihren Freundinnen gewesen war. Das Mädchen hatte ihr noch zwei so lustige Begebenheiten erzählt, dass sie beide herzhaft lachen mussten. Dann besprachen sie den morgigen Tag und gingen schlafen.

An André hatte sie eine lange SMS geschrieben. Um diese Uhrzeit war er noch im Restaurant. Sie vermisste ihn schon etwas.

So und nun lag sie hier und konnte nicht einschlafen. Was sollte sie tun. Heiße Milch trinken? Sinnlos. Half sowieso nicht. Atemübungen haben vor einigen Wochen noch geholfen. Mochte sie nicht dran denken. Auf einmal piepte ihr Handy. Sie tastete im Dunkeln danach und fragte sich, wer ihr da jetzt schreiben würde. Um diese Uhrzeit. Ihre Mutter bestimmt nicht und André jetzt auch noch nicht. Sie schaute aufs Display. Doch! André! Christina setzte sich auf. André hatte sich die Zeit genommen, ihr zu antworten. Zwischen Pizza und Steak Haché oder Küche und Zapfanlage. Sie kicherte leise, weil sie es sich gerade vorstellte. Dann kuschelte sie sich wieder in die Kissen, um seine lange Nachricht zu lesen. Am Ende stand ein dickes rotes Herz. Ist es kitschig, von einem Mann eine SMS mit einem roten Herz zu bekommen? Christina fand nicht. Sie beantwortete seine Nachricht nur mit einem großen roten Herz. Mehr war nicht nötig. Sie war seit Langem nicht mehr so glücklich und sie genoss jede Minute, die sie mit André verbringen konnte. Was am Ende des Urlaubs sein würde, daran wollte sie noch nicht denken. Das Handy legt sie wieder auf den Tisch. Jetzt würde sie bestimmt schlafen können.

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