Ein Fest mit Hindernissen

Wie versprochen, heute die Kurzgeschichte – Teil 1

Der Mann am Fuße der Freitreppe des imposanten Herrenhauses schaut bestürzt auf mein Auto. Sein Blick sagt mir, dass der Wagen unter seinem Niveau liegt. Sicher, die Beule am linken hinteren Kotflügel hätte ich schon mal ausbeulen lassen können. Das Glas vom vorderen rechten Scheinwerfer hat einen Sprung und der Lack sieht auch nicht mehr so ganz frisch aus.

Er steht kerzengerade da, als ob er einen Stock im Kreuz hat, den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst, die weiß behandschuhten Hände liegen rechts und links an der Hosennaht und jedes einzelne Haar hat seine Position dort, wo es hingehört. Wo bitte schön, bin ich hier reingeraten? Was hat Basti sich dabei gedacht, mich hierher zu lotsen? Es ist von einem gemütlichen und ungezwungenen Abendessen beim Italiener die Rede gewesen.

Ich sitze da, starre auf den Mann und der starrt zurück, bis ein ohrenbetäubendes Hupkonzert hinter mir ertönt. Ich zucke zusammen und drehe mich erschrocken um. Der Fahrer am Steuer grinst unverschämt. Hoffentlich treffe ich heute Abend nicht noch mehr von der Sorte. Dass ihm mein Auto ebenfalls nicht gefällt, sehe ich an seinem Gesichtsausdruck. Jedes einzelne Chromteil seines schnittigen, froschgrünen Sportwagens glänzt in der Abendsonne.

Ich steige aus und lasse mit einem dumpfen PLOPP die Tür meines Wagens zufallen. Mit der Hand drücke ich noch einmal fest dagegen. Mein altes Mädchen, wie ich ihn liebevoll nenne, hat die Angewohnheit, die Tür immer wieder aufspringen zu lassen.

  ♦ ♦ ♦

Auf dem Weg zur Treppe knirscht der weiße Kies unter meinen hochhackigen Schuhen. Es führt kein Weg drumherum, ich muss an dem stocksteifen Mann vorbei.

„Guten Abend.“ Ich versuche freundlich zu bleiben, auch wenn ich sein Auftreten unmöglich finde. Ohne ein Wort zu sagen, hält er mir seine behandschuhte Hand entgegen mit der Handfläche nach oben. Dass er es auf ein Trinkgeld abgesehen hat, nehme ich nicht an. Ich schaue ihn fragend an. Er zieht seine rechte Augenbraue hoch. Ich bin mir nicht sicher, was das bedeuten soll. Da fällt mir ein, dass er vielleicht meinen Autoschlüssel möchte, um den Wagen an einem anderen Platz zu parken. So etwas habe ich bisher nur in Filmen gesehen. Zwischen den Nobelkarossen wird meiner herausstechen wie von einer fernen Galaxie. Ich halte ihm den Schlüssel unter die Nase, den er mir mit spitzen Fingern aus der Hand nimmt.

Schritt für Schritt gehe ich langsam die fünf Stufen zu dem weit geöffneten Portal empor. Vorsichtig betrete ich den Vorraum. Ach was, das ist ein Saal so groß wie ein Fußballfeld. Eine imposante Treppe führt rechts und links halbmondförmig nach oben zu einer Empore. Auf den Tischen an den Wänden stehen gewaltige Kerzenleuchter, in denen große weiße Kerzen flackern. In meinen Augen eine totale Verschwendung, denn noch ist es draußen taghell. Auf einem runden Tisch in der Mitte des Raumes steht eine Vase in Form einer Amphore mit einem riesigen blauweißen Blumenstrauß. Ich bin allein. Bis auf den Hausangestellten draußen habe ich bisher keine Menschenseele gesehen, außer den jungen Mann in seinem grünen Sportflitzer hinter mir. Von Ferne erklingt leise Musik, der ich nachgehe. Meine Schritten hallen auf dem weißen Marmorfußboden in dem großen, hohen Raum.

Ich betrete das angrenzende Zimmer und spüre einen leichten Windhauch auf meinem Gesicht und den Armen. Die weißen bodenlangen Gardinen bewegen sich in den Türen zum Garten. Ein langes Buffet ist an der rechten Seite aufgebaut, das sich fast unter den vielen Speisen biegt, die dort aufgetischt sind. Die Hummer, kunstvoll auf einem Silbertablett arrangiert, sehen aus wie ein Stillleben. In meinem letzten Urlaub hatte ich mir eigentlich vorgenommen, einen zu probieren. Da ich mir unsicher war, wie ich dem Biest beikommen sollte, hatte ich lieber die Finger davon gelassen. Von draußen höre ich Stimmen. Also sind doch noch andere Gäste da. Dem Buffet nach zu urteilen, müssen es wenigstens einhundert sein. Zögernd teile ich die Vorhänge, gespannt, was mich dahinter erwartet. Hoffentlich werde ich dort Basti treffen.

♦ ♦ ♦

Das, was ich zu sehen bekomme, übertrifft all meine Erwartungen. Ich bin auf einem Maskenball, nur dass ich kein Kostüm und keine Maske trage. Ich komme mir nackt vor. Zur falschen Zeit am falschen Ort im falschen Outfit. Mein blau geblümtes Sommerkleid mit dem weißen Ledergürtel kann hier nicht mithalten.

Ein Mann in schwarzer Kniebundhose und weißem Rüschenhemd tritt mir in den Weg. Seine Augen hinter der schwarzen Samtmaske sehen mich freundlich an und ohne ein Wort zu sagen, hält er mir ein Tablett mit Sektgläsern entgegen. Ich bringe nur ein kurzes Danke hervor und nehme mir ein Glas. Mit einem Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung schreitet er weiter. Auf der Terrasse und auf dem Rasen stehen runde, festlich eingedeckte Tische. Eine Vier-Mann-Band ist auf einem Podest am Rand platziert und spielt einen Walzer.

Langsam gehe ich mit meinem Glas in der Hand weiter in den Garten. Die üppig blühenden Rosen auf den Beeten sind mit Buxbaum eingefasst und verbreiten einen betörenden Duft. Weit hinten liegt ein See. Ich sehe das Wasser bis hier in der Sonne glitzern.

Festlich gekleidete Menschen in kostbaren, eleganten Kostümen treten an die Seite, um mich vorbeizulassen. Sie lächeln und nicken mir liebenswürdig grüßend zu. Eine Dame in einem königsblauen langen Satinkleid mit goldener Stickerei und einer mit blaugoldenen Straußenfedern verzierten Maske lehnt galant an einem Stehtisch und unterhält sich mit einem Herrn in einer Uniformjacke. Die linke Seite seiner Jacke ist mit Orden bestückt. Er trägt einen Dreispitz auf einer weißen Perücke, die hinten mit einem Samtband zusammengehalten wird, und eine schwarze Maske. Ich gehe auf beide zu.

„Entschuldigung.“ Weiter komme ich nicht. Das Paar dreht sich um und lässt mich stehen. Dabei hatte ich doch nur vor zu fragen, wo der Hausherr ist und aus welchem Anlass gefeiert wird. Ich schaue ihnen verdutzt hinterher und trinke einen großen Schluck, um meine Anspannung und Ungeduld hinunterzuspülen.

♦ ♦ ♦

Teil 2 folgt nächste Woche. Bleib neugierig. 😉

Liebe Grüße

Gudrun

Mein Roman „Sommer am Pont du Gard“ führt dich nach Südfrakreich. Einige Orte gibt es tatsächlich, wie zum Beispiel das Restaurant Le Zanelli oder das Geschäft mit den Töpfersachen aus Lussan (heißt, wenn sie wegen Corona zwischenzeitlich nicht schließen mussten) und  Straßen und Plätze sowieso.

 

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10 Responses

  1. Ich finde die Geschichte ist sehr gut und bildreich geschrieben, spannend, kurzweilig – sie macht neugierig auf den zweiten Teil! Natürlich will man wissen, was die Erzählerin auf dem schnieken Maskenball macht und wer Basti ist! :-)))
    Liebe Grüße, Maren

  2. Liebe Gudrun, ich habe ähnliches tatsächlich erlebt. Letztes Jahr sind wir in ein 5 Sterne Hotel gefahren (das doch bisschen nobler war als gedacht). Vorgefahren, haben wir uns schon gewundert, der Parkplatz ist nicht so einfach zu erreichen. Ich bin am einchecken, mein Mann wartet draußen im Auto am Eingang. Und dann kamen die furchtbarsten Wörter „Ihren Autoschlüssel, geben sie bitte den Portier, er parkt den Wagen für Sie“. Vorgeschichte, das Auto meines Mannes war in der Reparatur und wir sind mit meinem alten, kleinen Franzosen, der schon einige Flecken auf der Seele hat, gereist. Ich schwöre, ich war kurz davor zu sagen, bin mit Fahrrad hier 😅. Es war so unangenehm. Noch schlimmer, nachdem wir schon runtergeschluckt haben, habe ich festgestellt, ich habe meine Kosmetiktasche im Auto vergessen. So einfach kommst du nicht dran und wieder mal zu dem Portier, der uns netterweise zum Wagen begleitet hat. Och ja, manchmal fühlt man sich falsch am Platz 😄 Liebe Grüße!

    1. Liebe Mira,
      deine Geschichte ist ja auch toll. Wir hatten auch mal so etwas. Wir wohnen in der Nähe von Wolfsburg und der Autostadt. Auf dem Gelände ist das Hotel Ritz Carlton. Wir hatten gehört, dass man dort ganz wunderbar Tee trinken könnte. Wir also zu um 17 Uhr hin, wie zu einer englischen Teestunde. Ein Parkplatz war nicht zu sehen, so sind wir vor den Eingang vorgefahren. Und da haben wir ihn schon stehen sehen. Er kam auf unser Auto drauf zu, öffnete erst mir die Tür, ging dann um das Auto herum und hielt meinem Mann auch die Hand hin, um den Autoschlüssel in Empfang zu nehmen. Man kommt sich vor, wie in einer anderen Welt. Du musst dich wegen deines Autos nicht grämen. Das Auto von meinem Mann war schmutzig und hätte schon längst eine Wäsche vertragen. Aber ein Portier lässt sich ja nichts anmerken.
      Die Teezeremonie war echt toll. Müssen wir bald mal wieder machen und nun wissen wir ja, wie das mit dem Auto geht 😉
      Liebe Grüße
      Gudrun

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