Haare – was bedeuten sie für uns Frauen

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag in der Vorweihnachtszeit bringe. Wir sind alle auf diese schöne besinnliche Zeit eingestimmt bei Kerzenschein, Glühwein, Keksen und Stolle. Auf jedem Blog gibt es die tollste stimmungsvollste Weihnachtsdeko und die schönsten Rezepte und dann komme ich mit dem Thema Brustkrebs, Chemo und Haarausfall. Aber der Krebs fragt nicht, in welcher Festtagsstimmung wir sind. Der grätscht dazwischen ohne Rücksicht auf Verluste. Wir können es uns nicht aussuchen. Also, wenn ihr hier jetzt nicht weiterlesen möchtet, dann klickt einfach weg. Kein Problem

Für alle, die jetzt hier weiter lesen...

Mir ging das Thema Haare die letzten Wochen immer öfter durch den Kopf, denn ich wusste, irgendwann werde ich sie verlieren bzw. mir zum gegebenen Zeitpunkt früh genug abnehmen lassen (abrasieren hört sich zu krass an, oder?). Nein, also abnehmen.

Genau am Abend der zweiten Chemo konnte ich mir die Haare büschelweise butterweich vom Kopf ziehen. Am nächsten Tag fuhr ich ins Zweithaar-Studio, wo ich schon meine Perücke gekauft hatte. Mein Mann begleitete mich und er hat das erste Ansetzen des Rasierers als erster gesehen. Ich saß mit dem Rücken zum Spiegel und war relativ entspannt. Wie gesagt relativ. Der erste Blick war zögerlich, ich habe mich gleich wieder weggedreht. Der zweite Blick sagte: Ja. Es geht. Irgendwie. Muss ja. Und da kam mir der Gedanke auf….

Was bedeuten uns Frauen eigentlich unsere Haare?

Ich habe im Internet recherchiert und versucht Frauen zu finden, die mir sagen konnten, was für sie ihre Haare bedeuten. Es war ein ganz schwieriges Unterfangen. Ich fand da so Sachen wie – was Haare über uns verraten – die Sprache der Haare – Symbolik der Haare. Ich habe keine Berichte oder Interviews gefunden. Im ganz normalen Towubawohu des Lebens machen wir uns sicher auch keinen Kopf darüber.

So habe ich Frauen in meinem privaten Umfeld gefragt, ob sie mir diese Frage beantworten. Hier ein paar Auszüge:

Kerstin: Ich denke, für jede Frau – auch für mich – sind sie Teil dessen, wie ich mich als Persönlichkeit sehe. Für mich stehen meine kurzen Haare sicher auch für Selbstbewusstsein und für „kein rumgeschnörkel, Püppigedöns“. Ich mag es außerdem einfach unkompliziert im Styling. Und insgesamt spielt Aussehen für mich auch die größte Rolle im Leben. Den Friseurgang empfinde ich eher als lästig und als Zeitkiller denn als Highlight.

Sylvia: Haare unterstreichen die Persönlichkeit. Ob kurz oder lang – eine Frage des Typs. Auch die Farbe der Haare ist Ansichtssache. Ich bin blond. Aus Überzeugung. Blond ist keine Farbe sondern eine Einstellung.  Mittlerweile trage ich meine Haare schulterlang. Ich gefalle mir, meinem Mann und fühle mich mit dieser Frisur, trotz Ü65, sexy und attraktiv.

Bettina: Ich habe fast 27 Jahre nicht einen Tag ohne rasende Kopfschmerzen verbracht, bis endlich 1993 ein Arzt herausfand, dass ich einen Hirntumor mit Einblutungen hatte. Ich konnte die OP nicht mehr abwarten und war wohl die einzige im Hospital, die zig mal klingelte und fragte,  wann denn nun endlich meine Haare rasiert wurden. Für mich war das der erste Schritt in ein Leben ohne Schmerzen. Für mich selbst waren Haare komplett Nebensache, aber für mein Umfeld nicht. Mit meinen wallenden Locken vorher fand mich jeder gesellschaftsfähig, ohne Haare wurde ich in Geschäften und auf der Straße gemieden. Haare sind seit Jahrtausenden ein Statussymbol und ich denke, sie werden es auch bleiben.

Kathrin: Als Anhängerin der Friedensbewegung trug ich meine Haare in den 80er Jahren hennarot gefärbt und natürlich lang. Danach kamen viele unterschiedliche Phasen, mittlerweile wieder in meiner Ursprungsfarbe dunkelblond. Jetzt, mit Anfang 50, verlangt der Ansatz bereits alle 3 Wochen nach etwas Farbe. Ich merke, dass mich zu viele Haare in der Bürste in Panik versetzen. Bitte kein bedingter hormoneller Haarausfall! Nun futtere ich täglich Haar-Vitamine. Meine Tochter leidet seit ihrem 17. Lebensjahr unter Hashimoto. Dies bedeutet Kummer ohne Ende, da ihre Haare nicht nur immer dünner werden sondern am Scheitel in einem breiten Streifen ausgegangen sind. Keiner kann nachvollziehen, wie furchtbar das für sie ist. Sie sagt immer, ihre Haare seien ihr wichtigster Schmuck.

 

Haare - nicht nur Schmuck sondern auch Schutz

Haare sind unser Schmuck und wir definieren uns stark mit der Frisur oder der Haarfarbe. Die Haare rahmen unser Gesicht ein, sie sind Ausdruck unserer Persönlichkeit. wir hegen und pflegen sie, wir lassen sie regelmäßig schneiden, vielleicht auch färben. Ein Blick in den Spiegel und… ja, das bin ich. Aber die Haare sind nicht nur Blickfang sondern sie sind auch ein Wärmeregulator und zum Schutz unseres Gehirns da und sie schützen unsere Kopfhaut vor UV-Strahlen.

Und nun....

Auf dem Weg nach Hause trug ich dann meine Perücke und schaute mich in jedem Schaufenster an, an dem ich vorüberkam. Es war schon etwas Anderes, seine Perücke aufzuprobieren wenn man seine Haare noch hat. Eben für später. Und jetzt sieht man sich im Schaufenster und weiß genau, die Frau, die dich da anschaut, hat unter der Perücke keine Haare mehr.

Am Abend, als ich mich im Bad fürs Zubettgehen fertiggemacht und die Perücke abgenommen hatte, schaute ich mich genauer im Spiegel an. Ich glaube, ich muss mich mit der Frau, die mir da entgegenschaute noch anfreunden. Sie kam mir verletzlich und entblößt vor, irgendwie schutzlos. Aber nach genauerem hinsehen auch stark. Aber wiederum noch nicht so stark, allen sofort mit dem kahlen Kopf gegenüberzutreten.

Ja, das bin ich

Wenn ihr bis hierhin mitgelesen habt, dann danke ich euch und wünsche euch einen schönen 1. Advent.

Eure

Gudrun

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Dieser Beitrag hat 12 Kommentare

  1. Warum mußte ich gerade schlucken…hatte einen Kloß im Hals und meine Augen wurden feucht? Bist du echt inzwischen kahl? Dachte, die Kurzhaarfrisur wäre aktuell? Ach Gudrun…ich würde dich am liebsten ständig in den Arm nehmen und dir Mut zusprechen. Du bist großartig!
    …ist okay mit der Kürzung meines Beitrags. Genieß einen Kerzenschein warmen 1. Advent und tu nur das was dich glücklich macht ❤️💋❣️Liebe Grüße Sylvia. 🍀

    1. Liebe Sylvia,
      ja, die Haare sind seid 14 Tagen weg. Am Abend der zweiten Chemo konnte ich sie mir büschelweise butterweich vom Kopf ziehen. Es ist wie es ist. Es kommen auch wieder andere Zeiten. Danke für deinen Zuspruch.
      Liebe Grüße
      Gudrun

  2. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich bemerkte, dass sich die Haare nun endgültig verabschieden! Ich hätte eigentlich mit meinem Mann vereinbart, dass er mir die Haare abrasiert! Allerdings war er zu dem Zeitpunkt nicht zuhause und so nahm ich kurzentschlossene den Rasierer und hab mir die Haare eben selbst abrasiert! Und komischerweise fiel es mir nicht schwer! Ohne Perücke bin ich jedoch nie raus gegangen, da bräuchte ich mein Schutzschild „Perücke“! Schlimm wurde es für mich erst, als ich die Augenbrauen und die Wimpern verlor! Das hat mich wesentlich mehr belastet als der Haarverlust! 😞 ich wünsche dir trotz der schweren Zeit einen schönen ersten Advent!🕯🌟 liebe Grüße Angelika 🌟

    1. Liebe Angelika,
      ganz langsam gewöhne ich mich an „ohne Haare“. Die Perücke fand ich toll, als ich noch Haare hatte. Jetzt setze ich sie nur auf, wenn die Enkelkinder da sind. Auf dem kahlen Kopf drückt sie mir irgendwie. Jetzt finde ich sie nicht mehr so toll. Sonst trage ich nur Mützen, von denen ich mittlerweile viele habe. Wie das mit den Augenbrauen und Wimpern wird… Sie machen ja doch viel aus in einem Gesicht. Aber was muss, das muss. Hilft ja nichts.
      Liebe Grüße
      Gudrun

  3. Das mit unseren Haaren ist schon verrückt: wir korrigieren unsere Augenbrauen und versuchen – mit zunehmenden Alter – der Gesichtsbehaarung beizukommen. Den Haaren unter den Achseln und an den Beinen machen wir den Gar aus. Aber wehe, wenn die Haare auf dem Kopf dünner werden oder komplett ausgehen. Meine Mutter mußte in meinem Alter schon lange eine Perrücke tragen. Ich hatte immer Angst davor, das sei vielleicht erblich. Schleichende Prozesse sind schon schlimm genug. Aber der Schritt, den Du getan hast, erfordert Mut und Kraft.

    1. Vielen Dank für deine Zeilen. Ja, um Gesichts-, Achsel- und Beinbehaarung muss ich mich die nächsten Monate nicht kümmern. Und ich spare viel Geld für den Frisör. Nein, Spaß bei Seite. Würde ich alles viel lieber machen ohne diese Sch…. Krankheit. Aber da muss ich jetzt durch und im Moment packe ich das ganz gut.
      Liebe Grüße
      Gudrun

  4. Liebe Gudrun
    ich hatte eine Freundin, die vor gut dreissig Jahren eine Chemo und damit keine Haare mehr hatte. (Es geht Ihr gut nur sind wir nicht mehr befreundet). Sie war die erste Frau ohne Haare die ich sah. R. trug Ihren haarlosen Kopf voller Selbstbewusstsein und fast mit Stolz würde ich sagen. Ich habe sie dafür bewundert. Für mich persönlich sind meine Haare wichtig, ich mag sie, weil sie voll und dick sind. Hätte ich sehr dünne oder keine Haare mehr haben würde ich mir wahrscheinlich verschiedene Perücken kaufen und lange, gelockte Haare ausprobieren. Das ist eine Sache aber was ist mit den Wimpern, den Augenbrauen in Deinem Fall ? Der unfreiwillige Verlust der Haare ist sicher schwer auszuhalten. Ein Trost mag Dir sein, sie wachsen wieder, sobald die Behandlung vorbei ist. Dann wirst Du Dich sehr freuen, wenn Du die ersten Härchen sprießen sieht. Alles Gute für Dich. Liebe Grüße Gabi

    1. Liebe Gabi,
      an den Kopf mit „ohne Haare“ gewöhne ich mich langsam. Ich schminke mich auch jeden Tag, damit fühle ich mich besser. Was passiert, wenn die Brauen und die Wimpern weg sind? Keine Ahnung. Ich bin schon für Ende Januar zu einem Schminkurs von der DKMS angemeldet. Die Perücke trage ich nur, wenn die Enkelkinder da sind. Beim Kauf fand ich sie toll, aber da hatte ich ja auch noch Haare. Jetzt… nicht unbedingt. Ich trage viel Mützen, die ich mir gekauft habe. Nicht einfach welche für 9,99 von einem Ständer auf der Straße. Gut, das soll jetzt nicht abwertend klingen, manch eine Frau kann sich keine teuren leisten. Meine sind aus besonderem Material extra auf Chemopatienten ausgerichtet und hergestellt. Da gibt es während der Krankheit so viel zu beachten und zu bedenken. Hab lieben Dank für deine Gedanken und deine Grüße
      Viele Grüße
      Gudrun

  5. Liebe Gudrun,
    Du bist stark. Ich habe mir aus anderen Gründen vor zwei Jahren im Oktober die Haare komplett abrasieren lassen. Mir waren in den Wechseljahren viele Haare ausgefallen und das dünn geworden Haar sah, dunkel gefärbt, nicht gut aus, weil man auf die Kopfhaut schauen könnte, Ich habe dann meine natürlich weiß/grauen Haare rauswachsen lassen. Das Ganze fiel genau in die Zeit meiner Krebsdiagnose. Ich brauchte aber keine Chemo.
    Die angeschaffte Perücke habe ich kaum getragen. Sie war mir so fremd. Lieber habe ich mir mit Mützen (es war Herbst/Winter) geholfen. Relativ schnell habe ich mich Familie und Freunden auch mit kahlem Kopf gezeigt. Ja, dass war komisch, hat mich aber auch selbstbewusster werden lassen, denn Haare sind nicht alles.
    Warum schreibe ich das: Weil ich Dir Mut machen möchte. Du bist immer noch Du und daran ändert eine Glatze nichts, Wichtig ist, dass der Krebs weggeht und Du gesund wirst. Ich halte Dir ganz fest alle Daumen.
    Ganz liebe Grüße
    Karin

    1. Liebe Karin,
      danke für deine lieben Worte. Ja, langsam gewöhne ich mich dran und laufe zu Hause auch schon ohne Mütze. Auch meine Mann findet es nicht schlimm. Es geht darum, gesund zu werden. Die Perücke benutze ich ganz selten. Mir ist sie auch etwas fremd.
      Für heute Liebe Grüße und herzlichen Dank
      Gudrun

  6. Hallo du Liebe! Wie ich dir auf Instagram sagte, bewundere ich deine Kraft und mit wieviel Humor, Gelassenheit und Lebensfreude du dein Schicksal trägst. So kommt es auf jeden Fall bei mir an. Ich selbst habe androgenetische Alopecie und da sind schon viele Tränen geflossen auch wenn man sagt, es sind Nur Haare. Von Herzen alles Liebe für dich 🙏

    1. Liebe Christine,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, von wegen „nur“ Haare. Bei mir werden sie wieder wachsen, wenn hoffentlich alles überstanden ist. Bei dir ist das sicher noch einmal etwas anderes. Ich wünsche dir alles Gute.
      Herzliche Grüße
      Gudrun

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