Erinnerungen

Ich wollte dir heute eine kleine Geschichte vorstellen. Die Idee weckte bei mir Erinnerungen. Erinnerungen an ein Wochenende im letzten September.

Erinnerungen können etwas Wunderschönes sein. Sie können lustig, traurig, tröstend und auch bereichernd sein. Sie können uns mit Freude erfüllen und in gute Stimmung versetzen.

Wenn ich ein altes Fotoalbum anschaue, kommen bei mir Erinnerungen und Gefühle hoch. Musik und Filmszenen können uns an etwas in unserem Leben erinnern oder auch Gerüche und Geräusche.

Aber all das kann genauso gut negative Erinnerungen hervorrufen, schlimme Erlebnisse, die bis heute nicht verarbeitet sind.

Ein Wochenende im September

Was waren das nun für Erinnerungen bei mir. Ich war mit sechs weiteren Teilnehmerinnen auf einem Schreibseminar bei Hera Lind. Wir haben zwei Tage viel gearbeitet und viel gelernt und am dritten Tag sollten wir nun das Gelernte in eine kleine persönliche Kurzgeschichte packen. Jede sollte eine kleine Begebenheit aus ihrem Leben schreiben. Was wir schreiben und wie tief wir gehen, blieb uns überlassen. Wir hatten vier Stunden Zeit und danach sollte jede ihre Geschichte vortragen.

Wie das immer so ist, wenn gefragt wird, wer den Anfang machen möchte, bleiben alle Finger unten. So habe ich mich todesmutig 😉 hervorgewagt und habe mich gemeldet. Wenn ich gewusst hätte, was das laute Vorlesen meiner Geschichte in mir auslösen würde, glaub mir, ich hätte mich hinter der Rückenlehne des Sofas verkrochen, auf dem ich gesessen habe. Im Laufe der Geschichte flossen auf einmal Tränen, ohne mein Dazutun. Dabei war die Geschichte nicht traurig oder bedrückend. Von allen Seiten wurden mir während des Lesens Taschentücher gereicht.

Aber es ging mir nicht alleine so. Alle Teilnehmerinnen hatten wunderschöne Geschichten geschrieben, die aus ihrem tiefsten Herzen kamen. Erst wenn sie laut vorgelesen wurden, entfalteten sie sich zu einem Gefühlschaos.

Hera Lind hatte es uns schon vorher prophezeit, aber wir hatten dem keine Beachtung geschenkt. 😉 Und nun saßen da sieben Frauen, mit verheulten Gesichtern, aber unsagbar glücklich. Alle waren wir aus unserer Komfortzone gekommen und hatten etwas geschafft.

Wir fühlten uns verbunden, in uns war etwas gewachsen und der Kontakt ist auch nach dem Schreibseminar nicht abgerissen. Im Oktober treffen wir uns nun in Bregenz

Wenn dich meine kleine Geschichte interessiert, dann würde ich mich freuen wenn du weiter liest und vielleicht verrätst du mir am Ende, wie, wo oder wobei dir Erinnerungen kommen.

Erinnerungen

Mit gemischten Gefühlen sitze ich im Zug. Mein Magen ist etwas in Aufruhr und ich sehe durch das schmutzige Abteilfenster. Strommasten, Bäume und Büsche fliegen vorbei, dass mir fast schwindlig wird. Die Idee, meine alte Heimat zu besuchen, ist mir ganz plötzlich gekommen. Wie und warum? Ich habe keine Ahnung. Der Zug rast mit unveränderter Geschwindigkeit am ehemaligen Grenzübergang vorbei. Ungute Erinnerungen kommen hoch. Das stundenlange Warten, die patroullierenden Wachsoldaten, die mit steinernen Gesichtern und mit Maschinengewehren über den Schultern die Menschen taxieren. Niemand spricht ein Wort und wenn, dann wird nur geflüstert. Gott sei Dank ist das alles vorüber.

Wie ein erhobener Zeigefinger ragt der alte Wachturm zwischen hohem Unkraut hervor. Jahrzente bin ich diese Strecke nicht mehr gefahren. Der Bahnhof, an dem ich aussteige, ist auch nicht mehr so, wie ich in Erinnerung habe grau, schmuddelig, schummriges Licht und es roch. Ja, wie eigentlich? Nach Desinfektionsmittel, Öl, verbrannter Kohle wenn ich mich richtig erinnere. Heute zwängen sich Menschenmassen aneinander vorbei und die bunt beleuchteten Werbebanner springen mich förmlich an. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, drücke die schwere Tür auf, die in den Angeln quietscht , und stehe auf dem Bahnhofsvorplatz.

Meine Oma erwartet mich. Ich reiße mich von meiner Begleitung los, stürme ihr entgegen und werfe mich in ihre Arme. „Hallo, meine Kleine.“ Der Geruch nach Kernseife und Hühnerstall ist mir so vertraut und ihre Strickjacke ist kratzig. Mit der einen Hand greift sie nach meinem kleinen Koffer, mit der anderen umschließt sie meine Finger. Wir machen uns auf den Weg durch die Stadt. Tante Putchen steht vor der Tür ihrer Eisdiele und winkt mir zu.

Ein Moped knattert von hinten an uns vorbei und der Gestank aus dem Auspuff kribbelt mir in der Nase. Weiter geht es über holpriges Kopfsteinpflaster durch den Torbogen auf den Gutshof. Vorher bleibe ich wie jedes Jahr im Schatten des Durchgangs stehen. „Hallo“, rufe ich mit heller Kinderstimme. Die Mauern werfen das Echo wie einen Ball zurück. Oma fasst meine Hand fester und zieht mich weiter.

Neben der breiten, geschwungenen Gutstreppe geht ein Fenster auf. Mein Opa mit seinem schütteren weißen Haar, dem weißen Ziegenbart und der Nickelbrille steckt seinen Kopf heraus und nickt mir zu.

Hinter mir ertönt ein krächzendes Hupen, wie aus einer alten Trompete. Wir müssen einem klapprigen Trecker ausweichen, der über den Hof rumpelt.

Bevor ich mit Oma um die nächste Hausecke biege, schaue ich mich noch einmal um, aber das Fenster ist schon wieder geschlossen.

Von weitem höre ich lautes Gegacker. Vor uns liegt der Gutspark und mittendrin die Gehege mit den Unmengen von Hühnern. Meine Oma ist die Hühnermutter, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang die Ställe säubert, das Futter verteilt und die Eier einsammelt. Ich darf den großen Riegel vom ersten Gatter aufschieben und hüpfe durch die Hühnerschar. Erschrocken und mit unglaublichem Gezeter versucht sich das Federvieh nach allen Richtungen in Sicherheit zu bringen.

Endlich oben auf dem Hügel angekommen, schleiche ich an Nero vorbei, der wie verrückt kläfft und am Zwinger hochspring.

Ich reiße die Haustür auf, mühe mich die schmale, knarzende Stiege hinauf in die Dachkammer und lasse mich auf das Bett plumpsen. Die weichen Daunen legen sich wie Zuckerwatte um mich. Ich schließe die Augen und durch das weit geöffnete Fenster dringt das Gegacker der Hühner zu mir hinauf.

Unten im Wohnzimmer schlägt die alte Standuhr viermal. Der letzte Gongschlag hallt nach, bevor er verstummt.

* * *

Ich stehe auf dem Bahnhofsvorplatz und nichts ist mehr so, wie es mal war.

Danke, wenn du meine Geschichte bis zum Schluss gelesen hast.

Liebe Grüße

Gudrun

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14 Antworten

  1. Deine Geschichte finde ich sehr berührend. Ich habe sie gern bis zu Ende gelesen und konnte mir die Situation wunderbar vorstellen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass dieses Seminar für die Teilnehmerinnen sehr berührend war.

    Liebe Grüße
    Sabine

  2. Liebe Gudrun, ja, Erinnerungen sind so wichtig, weil sie uns davontragen in vergangene Tage und weil sie wichtige Puzzlesteine sind im Leben. Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Ich habe ähnliche Erinnerungen an das Gefühl, bei meiner Oma zu sein. Geliebt, sicher und geborgen. Solche schönen Erinnerungen sind sehr tröstlich, wenn das Leben im Außen hohe Wellen schlägt. Fühl dich gedrückt.
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin, ja und ich habe das Gefühl, dass die Erinnerungen, je älter ich werde, mehr Raum einnehmen. Ich hoffe, dass meine Enkelkinder auch einmal schöne Erinnerungen an ihre Großeltern haben werden. Ich wünsche dir alles Liebe.
      Herzliche Grüße
      Gudrun

  3. Oh, ich kann mir vorstellen was für ein emotionaler Moment es war, als ihr alle eure Geschichten vorgelesen habt. So was kann ja erst mal sehr beängstigend sein und ist dann umso befreiender – echt schön!

  4. Ein ganz besonderer Beitrag liebe Gudrun, und ich habe deine Geschichte gerne bis ganz zum Schluss gelesen und konnte mich richtig in dich hineinversetzen. Eine wunderbare Erinnerung, auch wenn die Tränen kommen.
    Spontan will mir keine Erinnerung so richtig einfallen, bei mir braucht es immer einen Auslöser, ein Bild, ein Wort, einen Geruch.
    Heute hat jemand auf Instagram ein Bild von der dänischen Küste gepostet mit Wind und Regen, dazu das Wort Heimweh auf dänisch. Das hat bei mir einen Tag in Erinnerung gerufen, der sich am 19.11. zum 30sten Mal jährt. Unsere Hochzeit in Dänemark bei der ich kaum ein Wort verstanden habe und doch zum richtigen Zeitpunkt „Ja“ gesagt habe und der Hochzeitsspaziergang bei Wind und Regen am Nachmittag, bei dem meine Schwiegermutter (kein Fliegengewicht) umgeweht wurde und noch viel mehr.
    Danke für den schönen Beitrag.
    Herzliche Grüße
    Sigrid

    1. Liebe Sigi,
      das ist aber auch eine sehr schöne Erinnerung. Hochzeit in Dänemark und du hast kaum etwas verstanden. ☺ Da erinnere ich mich an die Hochzeit meinet Schwägerin vor vielen Jahren im August, da haben uns die Gewitterfliegen fast aufgefressen. Das Gruppenbild war für die Fotografin problematisch, weil sich immer jemand ins Gesicht gefasst hat, um diese Plagegeister zu vertreiben.
      Danke für deine lieben Worte und dass du vorbeigeschaut hast.
      Liebe Grüße Gudrun

  5. Erinnerungen sind so- sie rütteln an einem, denn sie zeigen uns, dass sie vergangen sind und dennoch da.
    Eine schöne Geschichte, aber du bist ja auch ein Profischreiber…;).

    Ich finde es immer schön zu hören, wenn sich ein neuer Zusammenhalt bildet, das zeigt, was für eine gute Gruppe ihr wart.
    Alles Liebe
    Nicole

    1. Liebe Nicole, danke, aber von einer Profischreiberin bin ich weit entfernt. Erinnerungen, vielleicht hängen die auch mit dem Alter zusammen. Ich ertappe mich immer öfter dabei.
      Liebe Grüße Gudrun

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