Ein Fest mit Hindernissen – Teil 2

Heute erfährst du, wie es auf dem mysteriösen Fest weitergeht. Viel Spaß

Mein Blick entdeckt ein Paar, das an einem Rosenbogen steht. Sie unterhalten sich angeregt und scheinen sich zu amüsieren. Die Dame trägt schwarze Kniebundhosen mit weißen Strümpfen, dazu ein Rüschenhemd und eine kurze weinrote Samtjacke. Ihre langen blonden Haare sind zu einem Zopf geflochten und werden von einem damenhaften zierlichen Dreispitz bedeckt. Ihre Lippen leuchten kirschrot. Die Bewegungen des Mannes erinnern mich an jemanden. Aber ich komme nicht darauf. Es fällt mir schwer, meinen Blick abzuwenden. Langsam schlendere ich näher. Damit es nicht so auffällt und die beiden nichts bemerken, bleibe ich immer wieder stehen. Mal an einem Stehtisch, mal setze ich mich kurz auf eine Bank, dann stehe ich an einem Rosenstrauch und heuchele Interesse. Dabei lasse ich das Paar nicht aus den Augen. Ich komme mir vor, wie in einem James Bond-Film. Auf einmal wird mir klar, an wen der Mann mich erinnert. Die Kopfhaltung und wie er das Glas hält, genau wie Basti!

Ich zucke zusammen, als mir unerwartet das Sektglas aus der Hand genommen wird, und ehe ich mich versehe, habe ich schon ein volles. Das geschieht so schnell, dass ich die Bedienung nur noch von hinten sehe, wie sie zu einer Gruppe von Gästen geht und dort ebenfalls die leeren Gläser austauscht.

Mein Blick sucht wieder den Rosenbogen, bei dem vor wenigen Sekunden das Paar gestanden hat. Es ist fort. In der Menge mit den verkleideten Menschen ein ganz bestimmtes Paar zu finden, ist schlichtweg unmöglich.

Ich spüre, wie eine warme, kräftige Hand meine fasst und mich fortzieht. Erschrocken schreie ich auf.

„Hey!“ Ich muss im Laufschritt hinterher und kann gerade noch mein Glas auf einem Tisch abstellen, an dem wir vorbeihasten. Ehe ich mich versehe, finde ich mich auf der Tanzfläche wieder und der Mann schwingt mich im Walzertakt über den Holzboden. Jetzt erst kann ich ihn  mir genauer ansehen. Mit der Maske und dem Hut kann ich sein Alter nicht einschätzen. Seine Bewegungen und seinem Temperament nach zu urteilen, ist er noch nicht so alt. Die schwarze dreiviertellange Jacke sitzt eng an seinem Körper und die goldenen Knöpfe glänzen in der Abendsonne. Es kann der junge Mann aus dem froschgrünen Sportwagen sein, aber sicher bin ich mir nicht.

„Kennen wir uns nicht?“, frage ich ihn.

Er lächelt und schweigt. Nur gut, dass ich Walzer kann, mit einem anderen Tanz hätte ich mich völlig blamiert. Der junge Mann führt sicher und ich liege ganz leicht in seinen Armen. Seine grünen Augen leuchten wie Smaragde hinter der Maske. Bei den Drehungen versuche ich, das Paar zu finden, das ich am Rosenbogen gesehen habe, aber zwischen den vielen Menschen ist das hoffnungslos. Der Tanz ist zu Ende und mein Begleiter bedankt sich fomvollendet mit einer Verbeugung und einem Handkuss. Er reicht mir seinen Arm und führt mich charmant an das Buffet. Jetzt bemerke ich meinen leeren Magen und dass ich schon einige Stunden nichts gegessen habe. Ich lege mir ein paar erlesene Kleinigkeiten auf den Teller und drehe mich um, um dem Mann zu danken, dass er mich begleitet hat. Aber der Platz, an dem er noch vor wenigen Minuten gestanden hat, ist leer. Niemand ist in dem Raum. Ich stehe allein vor der langen Tafel mit den Köstlichkeiten. Mir ist der Appetit vergangen. Den Teller mit den Häppchen stelle ich zurück zwischen den Lachs und die italienischen Antipasti und mache mich wieder auf die Suche nach Basti.

Ein Wiener Walzer wird von der Kapelle schwungvoll zum Besten gegeben. Die Gäste stehen immer noch in Grüppchen zusammen und unterhalten sich höflich miteinander, fast ein wenig steif. Die Szenerie hat sich nicht verändert. Wenn ich in die Nähe komme, verstummen die Gespräche. Man sieht mich wohlmeinend lächelnd an. Das ist alles. Ich gehe langsam durch die Tischreihen und versuche, Basti irgendwo zu entdecken. Nach und nach steigert sich meine anfängliche Ungeduld und Nervosität in Wut. Das nächste Mal kann er sich seine Einladung an den Hut stecken. Mit schnellen Schritten gehe ich hinunter zum See. Das ist die letzte Möglichkeit.

Am Wasser raschelt das Schilf im lauen Abendwind. Die untergehende Sonne spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Ein rotweißes Ruderboot liegt verlassen am Seeufer. Eine Entenmutter watschelt mit ihren Jungen aus dem Wasser. Die Kleinen laufen ihr piepsend hinterher. Ein kostümiertes Paar kommt lachend und neckend hinter einem Busch hervor. Als sie mich sehen, eilen sie mit großen Schritten nach oben zu den anderen. Sonst ist weit und breit kein Mensch zu sehen.

Eigentlich kann ich diese komische Gesellschaft jetzt auch verlassen und nach Hause fahren. Der Abend sollte etwas Besonderes werden. Basti und ich, wir kennen uns schon eine halbe Ewigkeit und in den letzten Wochen habe ich gespürt, dass ich mehr für ihn empfinde als nur Freundschaft und ich glaube, ihm geht es genauso. Ich hatte mir vorgenommen, heute den ersten Schritt zu wagen. Nun ist der Abend fast vorbei und alles ist schiefgegangen. Ich höre das Klingeln eines Handys, hole es aus meiner Tasche hervor und nehme das Gespräch an.

„Hey Melly! Denkst du an unsere Verabredung nachher?“

Basti! Seine Stimme klingt überschwänglich und gut gelaunt. Ich habe Lust, ihm gehörig die Meinung zu sagen. Vorsichtig öffne ich die Augen und finde mich auf dem Sofa wieder. Überrascht lasse ich den Blick langsam durch das Zimmer wandern. Ich muss mich räuspern und bekomme nur ein knarzendes Ja heraus.

„Was ist los? Du hörst dich so komisch an. Hast du geschlafen?“

„Ja und blöd geträumt. Wir sehen uns später, Basti.“

♦ ♦ ♦

Ich hoffe, dir hat die Geschichte ein klein wenig gefallen.

Liebe Grüße

Gudrun

 

* * *

Mein Roman „Sommer am Pont du Gard“ führt dich nach Südfrakreich. Einige Orte gibt es tatsächlich, wie zum Beispiel das Restaurant Le Zanelli oder das Geschäft mit den Töpfersachen aus Lussan (heißt, wenn sie wegen Corona zwischenzeitlich nicht schließen mussten) und  Straßen und Plätze sowieso.

 

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8 Responses

  1. Tolle Geschichte – und eine unerwartete Wendung am Ende…! Ich dachte nämlich die ganze Zeit, wer bekommt schon so eine Einladung zu einem derartigen Maskenball… alles ein bisschen strange und surreal…! Aber dann der Schluss – und alles wird einem auf einmal klar! Das hast du wirklich gut geschrieben, und es bleibt bis zum Ende spannend.
    Liebe Grüße, Maren

  2. Im ersten Kapitel dachte ich, das Mädchen sei ein Geist – und sie selbst wusste es nicht, da niemand auf sie achtete! :))) Nun, das wahre Ende ist viel besser, Träumen ist besser als Sterben! 😉
    Vielen Dank für diesen Lesemoment, es hat Spaß gemacht!
    Liebe Grüße,
    Claudia

    1. Aber die Idee mit dem Geist ist auch nicht schlecht 🙂 Schön, dass dir die Geschichte gefallen hat.
      Noch eine schöne Woche.
      Liebe Grüße Gudrun

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