Ich bin ich

Ich möchte mich hier der Blogparade von Jana Ritzen, „Die GlücksSchmiedin“, anschließen. Jana ruft in ihrer Blogparade „Sag JA! zu Dir“ auf, Mutmacher-Geschichten zum NEIN! sagen zu erzählen. HIER findest du ihren Beitrag zur Blogparade und vielleicht magst du ja mitmachen.

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll. Ich glaube ich zäume das Pferd von hinten auf. Aber egal, ich fange jetzt einfach mal an.

Vor 2 Jahren begann ich ein Fernstudium „Kreatives Schreiben“. Ich hatte meine Liebe zum Schreiben entdeckt und wollte lernen, wie ich es noch verbessern kann. Ich arbeitete die Hefte also durch, als es auf einmal in Heft 6  um Gedichte ging. Gedichte, oh mein Gott, dacht ich und arbeitete trotzdem treu und brav die Lektionen durch. Mit Gedichten hatte ich bis dahin noch nie was am Hut. Am Ende des Heftes kam dann also die Hausaufgabe. Wie immer drei Aufgaben und na klar, eine davon war… natürlich ein Gedicht schreiben. Das Thema: Es sollte um die Auseinandersetzung der „zwei Seelen“ in meiner Brust gehen.

Die nächsten Tage lagen überall im Haus Zettel herum. Immer wenn mir eine passende Zeile einfiel, wurde sie gleich notiert. Dann war das Gedicht also fertig. Zum Glück las ich mir die Aufgabenstellung noch einmal durch und stellte fest: Total am Thema vorbei. Mist! Ich wollte die Hausaufgabe aber unbedingt abgeben, damit ich das Thema Gedichte endlich abschließen konnte. Ich nahm mir also ein Blatt Papier und etwas zu schreiben und begann von vorn. Die ersten 3 Worte fielen mir ein und dann die nächsten und die nächsten und es lief fast wie von selbst. Auf einmal! Hallo, was war da passiert? Rausgekommen ist dieses hier:

Ich bin ich
Du bist nicht ich
und ich bin nicht du,
also red‘ mir nicht immer drein.

Wenn ich lachen will, dann lach‘ ich.
Wenn ich weinen will, dann weine ich.
Wenn ich singen will, dann singe ich.
Wenn ich tanzen will, dann tanze ich,
wenn es sein muss, auch im Regen
und sag mir nicht, dass man das nicht tut.

Ich trage nicht schwarz oder grau,
sondern rot, gelb, grün oder blau.
Meine Haare sind grau
und meine Falten bleiben da wo sie sind.
Also hör mir doch einfach zu.

Ich bin da für dich,
sei du da für mich.
Du bist nicht ich
und ich bin nicht du.

Ich bin ich.

Endlich!

Ja, genau, ich bin ich – ENDLICH ! Lange hat es gedauert. Was war vorausgegangen?

Mit 40 (vor 23 Jahren) hatte ich einen Totalzusammenbruch, den man heute Burnout nennen würde. Damals kannte ich den Ausdruck nicht. Ich hatte über viele Monate vorher schon Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen, Rückenschmerzen (mal mehr, mal weniger und alles nacheinander und durcheinander und überhaupt), ständig leichte Übelkeit und meine Haut reagierte mit Juckreiz und Ausschlag. Dann, eines Abends, der Höhepunkt. Atemnot, fast wie ein Erstickungsgefühl, ich dachte mein letztes Stündlein hat geschlagen. Mein Mann fuhr mich gleich zum Arzt, der dann eine Hyperventilation feststellte.

Alles nicht so schlimm. Das Leben geht weiter. Danke schön, habe ich gedacht.

Zwei Tage später bekam bei der Arbeit eine Panik-Attacke, so dass mich ein Kollege nach Hause fuhr. Zu Hause ging es mir gut, was ich überhaupt nicht verstand. Was sollte ich zu Hause! Ich arbeitete gern, hatte tolle Kollegen. Nix da, am nächsten Tag fuhr ich wieder los. Auf der Fahrt hatte ich das Gefühl, als ob sich ein Monster an meinen Beinen nach oben zog und mir die Luft zu atmen nahm. Ich wendete meinen Wagen und fuhr zurück.

Ich rannte von Arzt zu Arzt. Einmal durch die ganze Mühle. NICHTS! Keiner konnte was finden, was ja einerseits nicht schlecht war, aber langsam begann ich an mir zu zweifeln. Ich war doch nicht bescheuert! Erst meine Frauenärztin brachte mich auf den richtigen Weg. Sie sah mir sofort an, dass mit mir was nicht stimmte. Durch sie fand ich eine Psychologin, bei der ich auch ziemlich schnell einen Termin bekam. Sie wollte alles bis ins kleinste Detail wissen. Als ich ihr meinen Alltag offenlegte, fasste sie sich an den Kopf und brachte mich erst einmal zur Vernunft. Ich hatte mich jahrelang übernommen. Familie, Haus, Garten, Berufstätigkeit, Kinder zu den Hobbys fahren, Arbeit im Gemeinderat (was auch Fraktionssitzungen, Kindergartenbeirat, Mitgliederversammlungen etc. beinhaltete). Jetzt könntest du fragen, wo war der Mann. Mein Mann war viel auf Montage und machte Überstunden. Wenn er zu Hause war, übernahm er natürlich auch viel.

Dann aber wollte ich selbstverständlich auch noch was für mich tun, klar und nicht nur für andere. Ich wollte Französisch lernen und ging einmal in der Woche zum Unterricht und im Chor habe ich auch noch gesungen und Jazz-Tanz fand ich auch ganz toll. Und dieses ganze Pensum über einige Jahre. Nie hatte ich NEIN gesagt! Warum eigentlich nicht? Jetzt könnte ich mein Sternzeichen anführen, denn Waage-Menschen sind harmoniebedürftig, mögen keine Konflikte und können somit schlecht NEIN sagen.

Daran musste sich etwas ändern. Aber leichter gesagt als getan. Erst einmal gab ich sofort die Arbeit im Gemeinderat auf und damit alle Posten, die damit verbunden waren. Das gab schon viel Luft in meinem Leben und ich wurde vier Wochen krankgeschrieben. Keiner hat mich auf eine Kur, eine Therapie oder ähnliches hingewiesen. Ich fing wieder an zu arbeiten und die Angst- und Panikattacken begleiteten mich. Immer wieder. Einen Satz, den ich damals oft gesagt habe:

„Ich will, dass das aufhört!“

Ich erlernte die progressive Muskelentspannung, ich fing an zu meditieren und Entspannungsübungen zu machen. In der Theorie wusste ich alles. Die Praxis sah schon etwas anders aus. Ich konnte monatelang Ruhe haben und dann plötzlich aus heiterem Himmel peng! hat es mich überfallen und ich wusste nicht warum. Ich konnte in einem Konzert mit 25.000 Zuschauern sitzen und es war alles gut oder aber die Angst-Attacke kroch schon auf dem Weg zu einer Open-Air-Veranstaltung an mir hoch. Ich hatte schon vorher Angst vor der Angst. Am liebsten hätte ich mich zu Hause eingeigelt.

Mittlerweile hatte ich meinen Hausarzt gewechselt und meine jetzige Ärztin hatte immer ein offenes Ohr. Es hat lange gebraucht, bis ich meinen Körper verstanden habe und es war nicht leicht für meine Familie. Dies alles passierte zwischen meinem 40. und 55. Lebensjahr. Ich habe mich natürlich laufend gefragt, wie es soweit kommen konnte. Natürlich hatte ich mich übernommen.

Aber warum? Da kam sicher einiges zusammen. Außerdem, ich war ein Stadtkind, kannte fast jede Disco in der Stadt und war jedes Wochenende unterwegs. So lernte ich auch meinen Mann kennen und zog mit ihm nach unserer Hochzeit in sein Heimatdorf. 1975 gestaltete sich das Dorfleben noch etwas anders im Gegensatz zu heute. Ich wurde beäugt, wie die aus der Stadt sich macht. Immerhin war mein Mann ein Einheimischer, den man von klein auf kannte. Da wurde hier geredet, da wusste jemand etwas und gute Ratschläge gab es alle Nase lang.  Jeden Tag fuhr ich in die Stadt zur Arbeit und als dann die Kinder kamen, pausierte ich einige Jahre. Im Laufe der Zeit merkte ich schon, dass das so nicht mein Leben war. Wollte ich dem gängigen Klischee entsprechen? Heiles Dorfleben, Kinder, Küche, Haus und Garten? Mir fehlte der Mut NEIN zu sagen. Bestätigung bekam ich 1988 durch meinen neuen Job, aber sonst änderte sich eigentlich nichts. Bis zum besagten Tag.

Heute achte ich mehr auf mich und meine Bedürfnisse und nehme mir meine Auszeiten, egal, was dafür liegen bleibt. Wem es nicht gefällt, der soll es doch machen. Auch NEIN sagen habe ich gelernt. In der Familie, bei der Arbeit, bei Freunden und Bekannten und zu mir. Es klappt noch nicht immer zu 100 % aber, na ich würde mal sagen, zu 70 %. Auch mein Mann hat gelernt, damit klarzukommen. Ich habe für alle anderen gemacht und getan und habe mich dabei vergessen. Jetzt kann ich es mittlerweile ganz gut. Und, was glaubst du, es fühlt sich so gut an. Bisher war mir auch noch niemand böse oder hat mir die Freundschaft gekündigt. Ich fühle mich heute viel zufriedener und ausgeglichener und möchte nicht noch einmal 40 sein und trotzdem weiß ich, dass mich diese Zeit zwischen 40 und 55 zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.

2012 habe ich Lachyoga kennengelernt und ich muss sagen, etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. Es ist ein fester Bestandteil in meinem Leben geworden. Nach einem stressigen Arbeitstag, der mit Kopf- und Nackenschmerzen endet, mit Augenbrennen und verkrampften Schultern eine Stunde Lachyoga und ich bin ein neuer Mensch. Die Glückshormone schlagen Purzelbäume und, was das Allerwichtigste ist, ich habe seit fast 6 Jahre keine Angst- und Panik-Attacken mehr.

Warum ich diesen Beitrag geschrieben habe? Weil ich zeigen möchte, dass was geht. Wir dürfen nicht den Mut verlieren. Wenn eine Tür zufällt, wird irgendwo eine andere Tür aufgehen. Wir müssen uns von negativen Glaubenssätzen frei machen und an uns und unsere Wünsche und Ziele glauben. Ich jedenfalls lebe nur noch mein Leben und nicht mehr das Leben der anderen. Das zu erkennen und in die Tat umzusetzen war nicht einfach, aber ich habe es geschafft.

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