Wer sagt eigentlich, dass alles so bleiben muss?

Am 22. April erscheint mein neuer Roman „Mehr Mut als gestern“. Dieses Buch beschäftigt mich, obwohl die Geschichte längst geschrieben ist. Sie ist im Lektorat gewesen und gerade im Korrektorat. Doch immer, wenn ich mit jemandem über das Buch spreche, wird mir gesagt, wie wichtig das Thema ist.

Meine Hauptfigur Henriette ist 75 Jahre alt und verwitwet. Sie lebt allein in einem großen Haus. Für eine Person viel zu groß. Henriette ist allein und sie gründet eine Wohngemeinschaft. Mit anderen Menschen, die ebenfalls in ihrem Alter sind. Und damit kam auch für mich die Frage auf: Wie will ich eigentlich wohnen, wenn ich alt und allein bin? Alt – hahaha. Ich bin alt. Ich werde in diesem Monat 72 – auch wenn ich mich nicht so fühle. Na gut – manchmal. Aber nicht immer.

Das Leben besteht aus ständiger Veränderung

Auf manche Veränderungen in unserem Leben bereiten wir uns ganz selbstverständlich vor. Andere kommen plötzlich und unerwartet.

Zwei, drei Jahre bevor ich in Rente ging, war mir sehr wohl bewusst, dass dieser Zeitpunkt nicht mehr weit entfernt war. Ich machte mir Gedanken, was ich nach meinem Berufsleben alles machen wollte.

Wir beschäftigen uns früh mit der Frage, wie viel Geld wir als Rentnerin oder Rentner zur Verfügung haben. Wir erledigen den Papierkram, der für den Renteneintritt nötig ist. Wir überlegen, ob wir reisen möchten, mehr Zeit für Hobbys haben oder endlich all die Bücher lesen, die sich im Regal angesammelt haben. Aber was kommt danach? Nicht unbedingt sofort danach. Vielleicht zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahre später. Wie möchte ich dann leben? Diese Frage ist meistens so weit weg. Während ich das Buch geschrieben habe, kam mir diese Frage immer wieder in den Sinn. Dabei muss ich zurückblicken und dir erzählen, wie die Buchidee entstanden ist: Es war ein trauriger Anlass. Ich war auf einer Beerdigung und danach hatte die Familie zu Kaffee und Kuchen gebeten. Als alle zusammensaßen fiel mir auf, dass der überwiegende Teil der Anwesenden (und es waren viele) siebzig und älter war. Einige waren ohne Partnerin oder Partner da. Ob diese schon verstorben waren? Vielleicht. Ich weiß es nicht. Es wird immer gesagt, in der Stadt lebt der Mensch anonym und allein. Aber auf dem Dorf kann das ebenso sein. Die Dorfgemeinschaft hat sich im Laufe der Jahre verändert. Da kann man sich noch so sehr um die Nachbarin kümmern, trinkt mit ihr einen Kaffee, teilt sich mit ihr die Tageszeitung oder hält einen Schwatz über den Gartenzaun – der Tag hat danach immer noch genug Stunden. Und so entstand nach und nach meine Geschichte.

Aber zurück zu meinem Beitrag. Auch wenn uns jetzt schon mal die Frage durch den Kopf geht, wie will ich später mal leben, heißt das ja nicht, dass wir uns schon festlegen müssen. Vielleicht möchte ich in meinem Haus bleiben. Vielleicht macht es mir aber irgendwann viel zu viel Arbeit. Oder such ich mir eine kleinere Wohnung? Eine Wohnanlage, in der andere Menschen in der Nähe sind, kommt ja vielleicht auch infrage. Oder vielleicht … eine Senioren-WG?

Senioren-WG – warum eigentlich nicht?

Bei einer WG denken die meisten zuerst an Studenten. Drei Menschen, eine Küche, ein Badezimmer und die Diskussion darüber, wer schon wieder den Müll nicht rausgebracht hat. Doch warum sollte das nur für junge Menschen funktionieren? So viel ich weiß, gibt es das für Senioren auch schon in Deutschland. Jeder hat sein eigenes Zimmer oder vielleicht sogar eine kleine eigene Wohnung. Es gibt Räume, die gemeinsam genutzt werden. Eine Küche, ein Wohnzimmer, vielleicht einen Garten oder eine Terrasse. Man kann zusammen kochen und essen oder gemeinsam einen Ausflug machen, vielleicht abends zusammensitzen und reden. Aber man kann genauso gut die eigene Tür schließen und seine Ruhe haben. Alles kann – nichts muss.

Gemeinsam leben, ohne ständig zusammen sein zu müssen.

Natürlich wird auch in einer Senioren-WG nicht immer alles harmonisch sein. Die Menschen, die sich entschieden haben, zusammenzuleben, bringen alle ein gelebtes Leben mit – Gewohnheiten, Eigenheiten, Vorstellungen davon, wie Dinge laufen sollten. Man muss sich arrangieren. Wer kauft ein, wer putzt, wer entscheidet, was gekocht wird? Wie werden die Kosten geteilt? Es kann vorkommen, dass einer morgens um sieben voller Tatendrang durch die Wohnung läuft, während der andere am liebsten bis neun Uhr seine Ruhe hätte. Auch in meinem Roman ist die Wohngemeinschaft kein idyllischer Ort, an dem alle wunderbar miteinander auskommen. Natürlich gibt es Konflikte.

Und je länger ich an dem Roman geschrieben habe, umso mehr fand ich einen gewissen Reiz an dieser Wohnform. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum, sondern die richtigen. Menschen, mit denen ich lachen kann, die einmal nach mir schauen, mit denen ich spontan einen Kaffee trinken kann.

Und was ist mit dem Alleinsein?

Nicht jeder Mensch, der allein lebt, ist einsam. Man kann sich auch unter vielen Menschen allein fühlen. Das Leben verändert sich. Immer wieder. Der Partner ist vielleicht irgendwann nicht mehr da. Freundschaften verändern sich. Die Kinder leben weit entfernt. Menschen, mit denen wir früher ständig Kontakt hatten, gehören plötzlich nicht mehr zu unserem Alltag.

Früh darüber nachdenken heißt nicht, sich festzulegen

Vielleichzt denkst du jetzt: Das ist doch noch viel zu früh. Das haben meine Protagonisten im Roman auch gedacht. Und das verstehe ich. Ich möchte mich jetzt auch noch nicht festlegen. Aber ich finde den Gedanken interessant, sich zumindest einmal damit zu beschäftigen. Vielleicht reicht es zunächst, Möglichkeiten wahrzunehmen. Gibt es entsprechende Wohnanlagen oder Mehrgenerationenwohnungen? Einfach mal mit Freunden darüber reden. Was wäre, wenn wir irgendwann nicht mehr allein in unserer Wohnung leben möchten? Allein schon diese Frage kann neue Gedanken anstoßen.

Wie möchte ich eigentlich leben?

Nicht: Was erwarten andere von mir? Sondern: Was passt zu mir? Vielleicht ist es auch etwas, das wir heute noch nicht kennen.

Mehr Mut als gestern

Henriette entscheidet sich dafür, ihr Leben noch einmal neu zu denken. Warum eigentlich nicht. Und vielleicht ist genau das der Gedanke, den ich aus ihrer Geschichte mitnehme. Wir müssen nicht alles sofort  verändern. Aber wir dürfen uns erlauben, über Veränderungen nachzudenken. Und wenn wir dafür manchmal ein bisschen mehr Mut brauchen als gestern, dann ist das doch eigentlich ein ziemlich schöner Gedanke.

Liebe Grüße

Gudrun

Titelfoto: Claudia Taylor

Und falls du jetzt Lust bekommen hast, mein neues Buch kennenzulernen, dann kannst du es hier vorbestellen.

 

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