Was Lesen mit meinem Schreiben macht

Lesen und Schreiben lernen Kinder in der Schule. Die einen lernen es schnell, fast wie von selbst, andere erarbeiten sich jedes Wort mühsam. Manche Kinder verschlingen schon früh Bücher, während andere dazu überhaupt keine Lust haben. Und beim Schreiben ist es nicht anders.

Diese beiden Fähigkeiten begleiten uns unser ganzes Leben. Ohne Lesen und Schreiben würden wir uns verloren fühlen. Straßenschilder, Briefe, die wir bekommen, Zeitungen – nichts könnten wir lesen.

In den letzten drei Monaten habe ich viel gelesen. Fünf Bücher. Ich glaube, so viel habe ich in diesem Zeitraum noch nie gelesen. Magst du wissen, was ich gelesen habe?

Fünf Geschichten, fünf ganz unterschiedliche Welten.

Die Nacht der Bärin von Kira Mohn

Das Glück hat acht Arme von Shelby Van Pelt

Mathilde und Marie von Torsten Woywood

Pause von Lena Kupke

Zimmer 706 von Ellie Levenson

Ich lese sehr gern. Schon immer. Das ist sicher keine Überraschung, wenn man selbst Bücher schreibt. Dabei schreibe ich erst seit fünf Jahren. Aber ich muss sagen: Seit ich Autorin bin, lese ich anders als früher. Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich beim Lesen plötzlich denke: Wie hat die Autorin das gemacht.

Ein Oktopus hat mich überrascht

Bei Das Glück hat acht Arme von Shelby Van Pelt habe ich die Kapitel, die aus der Sicht des Oktopus geschrieben waren, geliebt. Ich wusste vorher nichts über Oktopusse. Dabei sind sie sehr schlau und intelligent. So auch Marcellus, so heißt der Oktopus. Hast du gewusst, dass Oktopusse neun Gehirne haben? Eines im Kopf und in jedem der acht Arme ein Minigehirn (mehr ein großes Nervenbündel). Aber es war nicht nur der ungewöhnliche Blickwinkel, der mir gefallen hat. Das ganze Buch ist so warm erzählt. Und die Protagonistin ist ungefähr so alt wie ich und krempelt ihr Leben um.

Manchmal braucht eine Geschichte einen Blickwinkel, mit dem niemand gerechnet hat. In diesem Fall acht Arme.

Ein ganzes Dorf voller Buchhandlungen

Dann war da Mathilde und Marie von Torsten Woywood. Allein die Tatsache, dass die Geschichte im französischsprachigen Teil Belgiens spielt, hatte bei mir einen Stein im Brett. Alles, was mit Frankreich zu tun hat, interessiert mich nun mal.

Das Dorf Redu gibt es wirklich. Es ist auch als europäisches Bücherdorf bekannt, hat 400 Einwohner und 20 Buchhandlungen. Ich habe das Buch gelesen und gedacht: Da möchte ich hin. Und das am liebsten sofort.

Ein Dorf, in dem sich Buchhandlung an Buchhandlung reiht. Für jemanden, der Bücher liebt, klingt das beinahe wie ein kleines Paradies.

Da flüchtet Marie aus dem hektischen und überlaufenen Paris – ohne Ziel. Im Zug lernt sie Jónína kennen. Und weil Marie nicht weiß wohin, nimmt Jónína sie mit nach Redu. Dort lebt Marie bei ihr. Als sie sich fast eingelebt hat, verlässt Jónína das Dorf und Marie und die junge Frau fragt sich, ob sie nicht ebenfalls gehen soll. Was danach passiert? Das verrate ich nicht, das lies selbst.

Eines hätte ich persönlich allerdings nicht unbedingt gebraucht: die vielen ausführlichen Passagen über die Natur. Natürllich liebe ich auch die Natur. Sehr sogar. Aber es war mir manchmal etwas viel. Auf Maries langen Spaziergängen werden Pflanzen erklärt, jeder Vogel mit Namen benannt und ausführlich beobachtet und sogar der Nestbau der Schwalben wird in epischer Breite beschrieben. Das ist aber vermutlich eine Geschmacksfrage. Was den einen begeistert, überblättert der andere vielleicht.

Auf die anderen Bücher werde ich jetzt nicht weiter eingehen. Ich finde es ganz schön und spannend, Bücher zu lesen, von denen ich vorher noch nichts gehört habe. Bücher, die nicht von jedem gehypt wurden.

Unter meinen fünf  Büchern sind drei Spiegel-Bestseller. Und manchmal finde ich es spannender, ein Buch zu lesen, das es nicht auf die Bestsellerlisten geschafft hat. So wie Zimmer 706. Ich fand es echt toll. Damit kannst du nun so gar nichts anfangen. Aber lies es selbst.

Und was hat das nun mit meinem Schreiben zu tun?

Ich glaube, dass wir beim Lesen immer auch etwas über das Schreiben lernen. Uns ist das sicher nicht immer bewusst, aber es wird sich im Laufe der Zeit zeigen. Ich merke das aber erst, seitdem ich als Autorin lese.  Lesen ist fast wie eine Art Schreibschule. Das heißt aber nicht, dass ich den Schreibstil anderer Autoren kopiere.

Es geht zum Beispiel darum, Gefühle nicht auszusprechen, sondern durch Handlungen und Mimik zu zeigen. Das Ganze nennt sich Show, don’t tell. Und trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich zu viel erkläre. dann heißt es: die Szene überarbeiten.

Mein Schreibstil verändert sich

Auch als Autorin lerne ich weiter. Mit jedem Buch, das ich schreibe, aber auch mit jedem Buch, das ich lese. Ich möchte mich weiterentwickeln, neugierig bleiben und auf Entdeckungsreise gehen. Vielleicht lese ich demnächst ein Buch und entdecke darin etwas, das meinen Schreibstil wieder ein klein wenig verändert.

Oder ich treffe auf einen Oktopus mit acht Armen, der mir zeigt, dass eine Geschichte aus einer Perspektive erzählt werden kann, auf die ich nie gekommen wäre.

Liebe Grüße

Gudrun

Und wenn wir schon beim Lesen sind …

Vielleicht hast du ja Lust, auch einmal eine Geschichte von mir zu lesen. Mein neuer Roman „Au revoir und tschüss“ ist im Juni erschienen.

Ich habe ihn mit viel Herz geschrieben – und freue mich natürlich jedes Mal, wenn er seinen Weg zu einer neuen Leserin findet. ❤️

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