Sommer am Pont-du-Gard – Kapitel 10

Christina wurde langsam wach. Die Sonne schien ins Fenster und sie blinzelte, bevor sie die Augen öffnete. André lag dich bei ihr, den Arm um sie gelegt und schaute sie an.

„Hey“, sagte er leise und zärtlich. „Hey“, antwortete Christina. „Bist du schon lange wach?“

„Schon eine ganze Weile. Ich konnte nicht mehr schlafen.“ Er küsste ihre Schulter.

„Wie spät ist es?“, fragte sie. André warf einen Blick auf den Wecker. „Sechs Uhr.“

Christina rekelte sich. „Um sieben würde ich gerne gehen. Ich möchte zu Hause sein, wenn Loulou aufsteht. Danach will ich ins Hotel und alles für die Gäste herrichten.“

„Aber frühstücken tun wir noch zusammen?“, fragte André.

„Aber gerne. Wenn du mich genauso verwöhnst wie gestern Abend.“ Sie rutschte noch näher zu ihm und kuschelte sich in seine Arme.

„Na, dann will ich doch mal sehen, was ich machen kann.“ André drückte ihr noch einen Kuss auf die Nasenspitze und stand auf. Er zog seine Jeans an, ging mit nacktem Oberkörper zum Fenster und zog die Gardinen auf. Christina schaute auf Andrés Rücken. Er hatte eine tolle Figur, das musste man ihm lassen. Man könnte denken, dass er ins Fitnessstudio geht, aber dafür hatte er gar keine Zeit.

„Du kannst noch fünf Minuten liegen bleiben. Ich rufe dich dann.“

Christina lag glückselig in den Kissen. Sie dachte an den gestrigen Abend zurück. Als sie zum Restaurant kam, hatte Paul sie nach oben geschickt. André erwartete sie in seiner Wohnung. Sie hatte ihn so vermisst, das spürte Christina in dem Moment, als er sie in den Arm nahm. Sie roch sein After Shave, das nach Zedernholz und Bergamotte duftete.

André hatte sich extra freigenommen und für sie gekocht. Ein verführerischer Duft kam aus der Küche. Arm in Arm waren sie ins Wohnzimmer gegangen. Die großen Glastüren zum Balkon waren geöffnet und das Stimmengemurmel vom Restaurant drang nach oben. Das Zirpen der Zikaden war zu hören und aus dem Radio kam leise Musik. Der Tisch war wunderschön gedeckt und das Essen, das André aufgetischt hatte, war einfach köstlich. Während er den Kaffee zubereitete, hatte sie sich die Fotos an der Wand angeschaut. Ein älteres Ehepaar im Garten. Ob das seine Eltern waren? Egal. Wenn er wollte, würde er es ihr schon erzählen. Ein kleines blondes Mädchen, das musste seine Tochter sein.

André war mit dem Kaffee wiedergekommen und sie hatten sich auf den Balkon auf die Bank gesetzt. Dicht nebeneinander. Er hatte den Arm und sie gelegt. Sie wollten sich spüren und den anderen am liebsten nie mehr loslassen. Einen kurzen Moment kam ihr der Gedanke der Abreise, die in fast drei Wochen bevorstehen würde. Aber schnell schob sie ihn von sich. In drei Wochen konnte viel geschehen.

Es dämmerte langsam. Das Klappern des Geschirrs unten im Restaurant wurde immer weniger. Die Gäste gingen langsam. Sie hörten, wie Paul die Tische und Stühle zusammenstellte. Er sprach mit Gabriell. Sie verabschiedeten sich. Paul schloss die Tür des Restaurants ab und es wurde still in der Straße. Nur die Laterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite verbreitete ein schwaches Licht. André und sie hatten eine ganze Weile nicht gesprochen, um die schöne Stimmung nicht kaputtzumachen. Sie hatte seine Finger im Nacken gespürt, die sie zärtlich streichelten. Ein wohliger Schauer rann ihr über den Rücken. André musste dies gespürt haben. Er hatte sich zu ihr gebeugt und sie geküsst. Seine Zunge suchte ihre und der Kuss wurde leidenschaftlicher. Beide erhoben sich fasst gleichzeitig. André nahm ihre Hand und ging vor ihr her ins Schlafzimmer. Dort standen sie sich gegenüber, beide schauten sich in die Augen. Er öffnete die Knöpfe ihres Kleides. Sie schlüpfte aus den Ärmeln und ließ es fallen. Seine Finger glitten von ihrem Hals über ihre Arme und dann über ihre Brüste bis zum Bauch. Langsam zog er sie an sich und vergrub seinen Kopf in ihren Haaren. Zum Bett waren es nur drei Schritte und was danach kam, war für sie bis dahin unvorstellbar gewesen.

Christina hatte die Augen geschlossen. Diese Nacht würde sie im Leben nie vergessen.

„Hey, nicht wieder einschlafen. Frühstück ist fertig.“ Eine leise Stimme drang an ihr Ohr. Sie öffnete die Augen und sah Andrés strahlendes Lächeln.

„Gib mir fünf Minuten. Ich beeile mich.“ Sie sprang aus dem Bett und rannte ins Bad. André ließ sich noch einmal aufs Bett fallen und schaute an die Decke. Mein Gott, dachte er, sie war im richtigen Moment gekommen. Womit hatte er das verdient. Er fühlte sich so gut wie lange nicht.

***


Danielle saß am Tisch in der Küche, den Kopf in die Hände gestützt. Vor ihr stand ein Becher mit Kaffee. Sie fühlte sich wie gerädert.

Gestern Abend war sie wie immer schlafen gegangen. Eric kam eine halbe Stunde später zu ihr ins Bett. Er hatte noch die Sportsendung zu Ende schauen wollen. Sie kuschelte sich in seine Arme und fühlte sich warm und geborgen. Eric war ihr Fels in der Brandung. Sie wusste, auf ihn konnte sie sich verlassen. Gab es ein Problem, er fand eine Lösung. Seine Nähe beruhigte sie ungemein. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und wünschte ihr eine gute Nacht. „Ich liebe dich“, sagte er noch dicht an ihrem Ohr.

Es dauerte nicht lange und Danielle hörte seine tiefen und gleichmäßigen Atemzüge, die ihr sagten, dass er eingeschlafen war. Sie hatte die Augen geschlossen, aber sie fand nicht in den Schlaf. Vorsichtig, um Eric nicht zu wecken, machte sie sich aus seinen Armen frei und drehte sich auf den Rücken. Ihr Blick auf den Wecker zeigte, dass erst 30 Minuten vergangen waren, seit Eric ins Schlafzimmer gekommen war. Sie starrte an die Decke. Ihr Blick ging zum Schlafzimmerfenster. Die Gardinen waren nicht ganz zugezogen und durch den Spalt konnte sie das Licht der Straßenlaterne sehen. Die Zeit verging. Immer wieder schaute sie auf die Uhr. Warum konnte sie nicht einschlafen. Es war zum Verrücktwerden.

Der Mann aus dem Zirkus machte ihr Kopfzerbrechen. Angst wäre zu viel gesagt. Wütend war sie, wenn sie an ihn dachte. Wenn er Beau tatsächlich wiederhaben wollte, was sollte sie Leo sagen. Wenn sie es nicht verstand, wie sollte es dann ein kleiner Junge verstehen. Sie hatte mit Eric darüber gesprochen. Er hatte gesagt, sie sollten erst einmal abwarten. Bevor sie nicht genau wüssten, was der Mann vorhat, hätte es keinen Zweck, sich verrückt zu machen. Leichter gesagt als getan.

Leise war sie aufgestanden, hatte so geräuschlos wie möglich die Schlafzimmertür geöffnet und war barfuß runter in die Küche gegangen. Sie hatte Durst. Neben dem Kühlschrank stand eine Flasche Mineralwasser. Sie hatte den Schraubverschluss abgedreht und einfach gleich aus der Flasche getrunken. Dabei schaute sie aus dem Fenster. Im Mondschein konnte sie draußen im Garten die Blumen erkennen und den Tisch unter der Linde, an dem sie noch vor ein paar Tagen mit Christina und André gesessen hatten. Ihre Nachbarin, die alte Flo, hatte ihren Hund noch mal rausgelassen, bevor sie zu Bett ging. Danielle hörte, wie sie nach ihrem kleinen dicken Petrus rief. Das Tier war schon alt, von ihr total verhätschelt und konnte kaum noch hören.

Aus heiterem Himmel tauchte bei Danielle und ihrer Familie plötzlich so ein Zirkusmensch auf und brachte alles durcheinander. Als sie daran zurückdachte, wie Christina auf das Auto zugelaufen war und den Mann lauthals zur Rede stellen wollte, musste sie lachen. Es war schon ein komisches Bild. Danielle hatte die Flasche wieder zugeschraubt und war wieder nach oben gegangen. Sie hatte sich leise ins Schlafzimmer geschlichen. Als sie im Bett lag, hatte Eric seinen Arm um sie gelegt.

„Hey, was ist los? Kannst du nicht schlafen?“, kam seine schlaftrunkene Stimme.

„Alles gut. Schlaf weiter.“

Danielle gab ihm einen Kuss.

Richtig geschlafen hatte sie nicht. Sie hatte sich im Halbschlaf hin und her gewälzt. Komisch, dass sie dann doch nicht mitbekommen hatte, wie Eric aufgestanden war. Sie weckte Leo, machte ihm Frühstück und musste ihn immer wieder ermahnen, sich zu beeilen. Als er dann endlich soweit war, begleitete Beau Leo noch bis zur Haustür. Der Junge verabschiedete sich von seinem vierbeinigen Freund und musste ihn noch dreimal umarmen. Endlich war er auf dem Weg zur Schule. Danach trottete Beau zurück und legte sich auf seine Decke unter der Treppe.

Danielle wollte die Haustür schließen und unter die Dusche gehen. Sie hatte noch so viel vor heute. Gerade wollte sie die Tür zu machen, als ihr Blick zur Straße ging. NEIN. Nicht schon wieder. Das schwarze Auto. Da stand es. Sie stieß die Haustür wieder auf und rannte in ihrem nicht mehr ganz neuen, um nicht zu sagen, alten schlabbrigen Jogginganzug über die Kiesauffahrt auf die Straße. Ihre Hände zu Fäusten geballt, alle Muskeln angespannt und mit einem wütenden Blick stand sie neben dem Wagen und klopfte fordernd an die Scheibe. Der Zirkusmann schaute sie an und tat… erst mal nichts. Noch einmal klopfte Danielle kräftig an das Seitenfenster. Die Scheibe senkte sich.

„Was wollen Sie hier, verdammt noch mal!“ Ihre Augen sprühten Funken. „Wollen Sie uns Beau etwa wegnehmen?“

„Ich weiß es nicht.“, kam die Antwort mit ruhiger Stimme.

„Wie, sie wissen es nicht?“, schnaubte Danielle. Ihre Stimme überschlug sich fast. „Was heißt, sie wissen es nicht. Dann überlegen Sie es sich gefälligst! Aber nicht hier! Und wenn Sie zu einer Antwort gekommen sind, dann kommen Sie wieder! Aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass der Hund bei uns bleibt! So einfach geben wir ihn nicht her!“

Danielle machte auf den Absatz kehrt und ging aufgebracht wieder zurück zum Haus. Beau stand in der Haustür.

„Beau, ab ins Haus. Allez!“

Der Hund wusste nicht, wie ihm geschah. Was hätte er wohl gesagt, wenn er sprechen könnte und wüsste, dass es hier um ihn ging. Er drehte sich um und trottete zurück auf seine Decke. Danielle machte die Tür zu und schloss mit dem Schlüssel einmal rum. Dann stand sie da mit hängenden Armen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Langsam beruhigte sich ihr Pulsschlag. Sie hörte, wie ein Auto angelassen wurde. Ihr Blick ging durch das Fenster neben der Tür und sie sah den Wagen mit dem Zirkusmann wegfahren.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Elke

    Liebe Gudrun,

    viel lieber wäre ich jetzt in Pont-Du-Gard. Mit einem Kaffee in der Hand auf der Bank und einfach nur genießen.
    Die Sonne anblinzeln und die warme Luft genießen.

    Die Sehnsucht ist groß nach Frankreich und Danke für dieses wunderschöne Kapitel.
    Bis nächste Woche.

    Liebe Grüße
    Elke

    1. Gudrun

      Liebe Elke,
      ja, Frankreich vermisse ich auch. Krankheitsbedingt konnten wir nicht hin und dann kam Corona. Und die Zahlen steigen in manchen Regionen dort auch rapide an. Mal schauen, was im nächsten Jahr wird.
      Liebe Grüße
      Gudrun

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